Tuchspendersysteme in der Kritik

wipes-subjectDesinfektionsspendersysteme erfreuen sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit. Wo früher morgens ein Mehrwegtuch in einen Eimer mit Desinfektionslösung gelegt wurde und anschließend über den Tag verwendet wurde, wirkt der Tuchspendereimer äußerst modern. Dabei werden Mehrwegtücher mit einer Desinfektionslösung getränkt und die Tücher können dann einzeln entnommen werden. Doch ist diese praktische Lösung in die Kritik geraten!

Aktuelle Beispiele aus der Praxis zeigen, dass auch diese Lösung Probleme aufwerfen kann. So wurden Spendereimer vorgefunden, in denen sich aufgrund starker Bakterienvermehrung bereits Biofilme gebildet hatten, was dazu führte, dass die Desinfektionswirkung nicht mehr gesichert war. Aus diesem Grund wurde durch den „Verbund für Angewandte Hygiene e.V.“ (VAH) eine Empfehlung herausgegeben (Empfehlung zur Kontrolle kritischer Punkte bei der Anwendung von Tuchspendersystemen im Vortränksystem für die Flächendesinfektion; Hyg Med 2012; 37-11). Die Empfehlung beleuchtet die kritischen Punkte bei der Verwendung von Tuchspendersystemen im Vortränkverfahren. Dazu im Einzelnen:

Verwendung von primär kontaminierten Desinfektionslösungen beim Befüllen
In vielen Fällen werden die Tücher mit einer selbst angemischten Desinfektionslösung getränkt. Bereits an dieser Stelle kann es aus der Sicht der VAH zu Kontaminationen der Behälter und Wischtücher kommen. Durch die Verwendung von fertigen Lösungen (ready-to-use Produkten) wird dieses Risiko fast vollständig minimiert, da Kontaminationen durch die anwendungsfertigen Lösungen, die unter entsprechenden keimarmen Rahmenbedingungen beim Hersteller produziert werden, verhindert werden. Kunden, die Tuchrollen nutzen, um diese mit verdünnten Konzentraten zu befüllen, sind hingegen diesem Risiko ausgesetzt.

Verwendung von nicht mit dem Desinfektionsmittel kompatiblen Tüchern
Seit geraumer Zeit ist bekannt, dass diverse Tücherqualitäten die Wirksamkeit von Desinfektionslösungen stark herabsetzen können. Dabei verbleiben große Teile von QAV (quartären Ammoniumverbindungen) an den Fasern. Diese Effekte treten hauptsächlich bei Vliestüchern auf, weniger bei reinen PE-Qualitäten. Dennoch ist jedes Tuch auf die Eignung mit dem jeweiligen Tränkmittel zu testen. Generelle Herstellerfreigaben für die eigenen Tuchqualitäten auf alle Desinfektionsmittel sind allerdings nicht unproblematisch und sollten kritisch beurteilt werden.

Wirksamkeit bei langen Standzeiten
Standzeiten von mehreren Wochen wirken in vielen Fällen der Desinfektionswirkung entgegen. Auch hier sollten entsprechende Testverfahren herangezogen werden. Insgesamt ist es absolut problematisch, dass einige Tuchhersteller Standzeitzusagen angeben. Standzeiten sind grundsätzlich für jede Tuch/Präparat-Kombination zu ermitteln. Vielleicht sollte hier noch gesondert darauf verwiesen werden, dass angefertigte Desinfektionslösungen aus Konzentraten nach RKI- und DGHM-Empfehlung stets direkt verbraucht werden sollen, also im keinen Fall aufbewahrt werden sollten!

Wirksamkeitsverlust durch Austrocknen
Insgesamt werden in überwiegend allen Praxisfällen Tücher verwendet, die nicht mit einer ausreichenden Menge an Desinfektionsmittel getränkt worden sind, um die vorgesehene Fläche zu benetzen. Ein feuchtes Tuch ist in den meisten Fällen für die vorgesehene Desinfektion nicht ausreichend, um eine Oberfläche entsprechend mit der Desinfektionslösung zu benetzen.

Besonders problematisch wird die Situation durch weitere Austrocknung der Tücher. Vor allem alkoholische Produkte sind davon betroffen, so dass grundsätzlich zu kürzeren Standzeiten geraten wird. Aus diesem Grund sind möglichst kleine Spendereimer mit einem annähernd dichten Verschlußsystem zu empfehlen. Gleichzeitig ist der richtig eingehaltene Tränkungsgrad eine Voraussetzung für die vorgesehene Standzeit. Auch hier zeigen Tests, dass nur bei richtiger Handhabung kein Austrocknungsrisiko besteht.

Kontamination von aus Eimern herausragenden Wischtüchern
Eine zusätzliche Kontamination von aus Eimern herausragenden Wischtüchern, ist durchaus möglich, da bei den meisten Systemen beim Entnehmen das Nachfolgetuche mitgezogen wird und aus der Verpackung hängt. Teilweise muss der Nutzer (mit ggf. kontaminierten Händen) das Nachfolgetuche festhalten, um das Tuch abreissen zu können. Großzügige Entnahmevorrichtungen im Deckel wirken diesem Problem nicht entgegen, auch wenn das mitgezogene Nachfolgetuch bei verschlossenen Deckel nicht so schnell austrocknet.

Vermehrung von gramnegativen Bakterien in Behältnissen
Wichtigste Maßnahme gegen mögliche Kontaminationen und Vermehrungen von Keimen am und im Spendereimer ist die richtige Aufbereitung vor der Neubefüllung. So sollte der Eimer gründlich desinfiziert und anschließend getrocknet werden. Beste Ergebnisse lassen sich mit Desinfektionsautomaten (Steckbeckenaufbereitungsautomaten) erzielen, auch können Geschirrspüler in die Aufbereitung mit einbezogen werden. Das klingt aufwändig und wird sicherlich nur sehr selten in der Praxis so durchgeführt!

Zusammenfassung
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der inzwischen weit verbreitete Spendereimer zum Wiederbefüllen und Tränken für die Desinfektion doch nur bedingt geeignet ist. Besonders problematisch ist, dass viele Tuchhersteller unverantwortlich die Produkte ausloben. Angaben zur Desinfektionsmittelkompatibilität oder zu Standzeiten sind verwirrend. Viele dieser Produkte sind weit von dem Standard des Medizinproduktes entfernt, was eigentlich Voraussetzung sein sollte. Ein möglicher Ausweg stellen sicher Fertigtücher dar, die allerdings es derzeit im Markt (noch) schwer haben, da diese Lösung auf dem ersten Blick nicht ganz so preiswert ist, wie die herkömmlichen Tuchspendersysteme.

Weitere Informationen:
Empfehlung zur Kontrolle kritischer Punkte bei der Anwendung von Tuchspendersystemen im Vortränksystem für die Flächendesinfektion; Hyg Med 2012; 37-11

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