QAV: Studie in der Kritik

Das Fachmagazin „Reproductive Toxicology“ veröffentlichte im Dezember 2014 einen Artikel zu einer Studie von einem Forschungsteam um Vanessa Melin und Terry Hrubec. Die Studie kam zu dem Schluß, dass quaternäre Ammoniumverbindungen (QAV) die Fruchtbarkeit von Mäusen herabsetzt und ein entsprechendes Risiko für Menschen zu sehen ist. Vor dem Hintergrund, das QAVs weltweit als Konservierungsmittel  in Kosmetikprodukten und als Desinfektionsmittel eingesetzt werden und bislang als risikoarm eingestuft wurden, kann man die Aufregung unter Anwendern und Herstellern verstehen.

Die quartäre Ammoniumverbindungen (QAV oder Quats) Benzalkoniumchlorid und Didecyldimethylammoniumchlorid besitzen neben desinfizierenden und konservierenden Eigenschaften auch eine gute Reinigungswirkung, sind gleichzeitig schonend zu Oberflächen und gelten als unbedenklich in den jeweiligen Anwendungen.

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„Mouse-19-Dec-2004“. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mouse-19-Dec-2004.jpg#/media/File:Mouse-19-Dec-2004.jpg

Den Initiatoren der Studie soll in anderen Versuchen aufgefallen sein, dass die Labormäuse weniger Nachwuchs bekamen. Bedingt durch die ausgiebige Benutzung von Händedesinfektionsmitteln kam der Verdacht auf, dass ein Zusammenhang bestehen könnte. Die Wirkung der beiden Stoffe wurden schließlich in der vorliegenden Studie auf Mäuse getestet. Mäuse, denen beide Ammoniumverbindungen verabreicht wurden, brauchten tatsächlich länger, um schwanger zu werden und hatten durchschnittlich weniger Nachwuchs. Auch lag die Sterblichkeit in der Spätschwangerschaft und unter der Geburt höher. Die Ergebnisse wurden schließlich im Fachmagazin „Reproductive Toxicology“ veröffentlicht.

Inzwischen ist die Studie erheblich in die Kritik geraten. Die Industrie verweist darauf, dass die Aussage, QAVs wären in Bezug auf die Reproduktionstoxizität beim Menschen in der Vergangenheit nicht untersucht wurden, schlichtweg falsch seien. Im Gegenteil sei die Datenmenge zu den Stoffen hoch und die Erfahrungen konnten über Jahrzehnte gemacht werden. Sowohl die US-Behörde Environmental Protection Agency (EPA) als auch die EU-Kommission kommen nach einer Bewertung der vorliegenden umfangreichen Studien zu dem Schluss, dass es keinen Hinweis auf Reproduktions- oder Entwicklungstoxizität gibt.

Die Kritiker der Studie können anhand der Daten nicht erkennen, dass die Ergebnisse tatsächlich die nachteiligen Wirkungen aufzeigen. Vielmehr sei schon der Titel der Studie irreführend. Lediglich eine sehr hohe Dosis führte zu den statistisch signifikanten Effekten. So wurde den Tieren die Stoffe  täglich in großen Mengen zugeführt, was bei einem Menschen mit einem Gewicht von 65 kg mit 1,4 Liter Testflüssigkeit täglich für 6 Monate entsprechen würde. Die Versuchstiere waren einer extremen Belastung ausgesetzt, was die Ergebnisse erklärt. Das Studiendesign entsprach von daher in keiner Weise den tatsächlichen Belastungen aus der Anwendung der genannten Produkte. In der Praxis kommt es lediglich zu sehr geringen indirekten Aufnahmen der Stoffe in den Körper. Die Beobachtungen innerhalb der Studie lassen demnach keine Rückschlüsse in Bezug auf die Reproduktionsfähigkeit von Mäusen oder Menschen  durch den Einsatz von QAVs in Kosmetik oder Desinfektionsprodukten zu.

In einer gemeinsamen Erklärung unterstreichen die Hersteller von QAVs, die technischen Mängel der Studie, weiterhin würden die Daten nicht den Schluß auf ein entsprechendes Risiko zulassen und verweisen auf die unabhängigen bestehenden Daten, die von US und EU Regulierungsbehörden genutzt werden. Zum Teil wird die Studie als schlicht unseriös eingestuft und den Autoren wird vorgeworfen, dass die falschen Schlüsse Verbraucher verunsichern würden. Ein möglicher Nichteinsatz eines vorgesehenen Desinfektionsmittels könnte hingegen Menschenleben gefährden.

Allerdings waren bereits vor einiger Zeit die QAVs in der Diskussion gewesen. So wurden in der Vergangenheit Bioprodukte entdeckt, die erhöhte Grenzwerte aufwiesen. Neben Pflanzenbehandlungsprodukten kamen auch Desinfektionsmittel in der Verarbeitungsindustrie unter Verdacht. Bei Lebensmitteln gibt es daher in der EU Grenzwerte, die bei Lebensmitteln eingehalten werden müssen. Im Umkehrschluß zeigt die Existenz von Grenzwerte, dass aus Sicht der Behörden Kleinstmengen der Stoffe kein Risiko darstellen.

Im Endeffekt zeigen die Ergebnisse, dass der Einsatz von QAVs in Desinfektionsmitteln bei einer normalen Anwendung kein Risiko darstellt. Die Aufnahme der Substanzen in den menschlichen Körper während eines Desinfektionsvorgangs ist praktisch ausgeschlossen. Modellrechnungen haben gezeigt, dass selbst bei Desinfizieren von Schnullern mit einem entsprechenden Desinfektionsmittel die Belastung weit unter den Richtwerten liegt. Eine vergleichbare Menge alkoholischer Desinfektionsmittel stellen ein deutlich höheres Risiko dar.

Auch werden die möglichen Ersatzstoffe für QAVs durchaus als kritisch angesehen. Gerade der Einsatz verschiedener anderer Biozide, wie  Amine, deren Langzeitwirkung noch nicht ausgetestet wurde, kann möglicherweise Risiken mit sich bringen.

Dazu im brennpunkt.hygiene

Mitteilung der Universität

Zur Veröffentlichung

3 Kommentare

  1. Gibt es diese Veröffentlichung eventuell auch auf Deutsch? Bin wirklich sehr interessiert an dem Thema und die englische Version ist leider zu missverständlich formuliert für mein beschränktes Englisch.

    Liebe Grüße und danke für diesen hervorragenden Artikel.

    Liebe Grüße Holger

    • Nein leider nicht. Die Studie selbst hat aus unserer Sicht einen falschen Versuchsaufbau, wie wir in dem Artikel beschrieben haben, und von daher sind die Schlüsse für den Einsatz von QAV im Rahmen von Desinfektionsmaßnahmen nicht relevant. Auch klann man gesichert davon ausgehen, dass sämtliche aktiven Substanzen in der gleichen Menge immer zu schweren gesundheitlichen Problemen bei den Mäusen führen würden.

  2. Gibt es diese Veröffentlichung auch auf Deutsch? Der Artikel hat mein Interesse geweckt. Allerdings ist mein Englisch zu schlecht um mir ein umfassendes Bild davon machen zu können.

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